Issue: 01/2019
Author: Martin Schuster

Blur in perception, photography, and art

In usual visual perception, blur is the exception, it needs some tricks to consciously experience it. However, painting, as well as photography, can take advantage of blur. It is used for various purposes, to achieve authenticity, to suggest speed, to focus the recipient’s gaze, to or to make the photograph appear more mystical. Thus blur is able to stress the emotional side of photographs and helps to create a contemporary style.

Wenn es der Kamera nicht gelingt, alles scharf darzustellen, so vermag es die Methode des Focus Stacking: Vollends scharfe Bilder sind heutzutage technisch also möglich. Schärfe gilt als eine wichtige Eigenschaft von Bildern und folgerichtig werden Objektive fast immer mit ihrer Schärfeleistung beworben. Zugleich spielt aber auch ihr „Bokeh“, ihre Darstellung unscharfer Bereiche eine bedeutende Rolle und man sieht immer wieder Fotos, die nur einen sehr kleinen Schärfebereich zeigen oder die verwackelt sind – und das keineswegs nur im Amateurbereich, auch Fotoprofis wie Thomas Ruff machen sich dieses Merkmal zunutze.

Zu Beginn eine Begriffsklärung: Unschärfe wird hier als Spezialfall der Vergröberung betrachtet. Vergröberung ist eine Informationsreduzierung des Bildes auch durch viele weitere Möglichkeiten, Verpixelung (im analogen Foto das Korn des Bildes), Geometrisierung, Glättung der Konturen etc.

Gibt es in der menschlichen Wahrnehmung eigentlich Unschärfe – wie auf einem Foto mit falscher Entfernungseinstellung? Zunächst meint man, alles scharf wahrzunehmen, was man betrachtet. Um aber Unschärfe beim Sehen zu erleben, muss man sich besondere Aufgaben stellen. Wer mit einem Auge auf einen bestimmten Buchstaben einer Tastatur blickt und dabei auf jede Blickbewegung verzichtet, der wird bemerken, dass bei einem normalen Betrachtungsabstand wie beim Schreiben nur dieser eine Buchstabe  scharf ist und die Nachbarbuchstaben immer weiter ins Unscharfe verschwimmen. Erlaubt man dem Blick eine freie Bewegung über die Tastatur, scheinen nun alle Buchstaben mehr oder weniger scharf. Nun wird nämlich das Wahrnehmungsbild aus der Folge der einzelnen scharfen Bereiche zusammengesetzt. So ist es auch mit dem Tiefensehen. Vor und hinter dem Fixationspunkt (beim einäugigen Sehen) verschwinden die Dinge im Unscharfen (Tiefenschärfe). Bei hellem Licht, wenn die Iris das Auge abblendet ist, ist die Tiefenschärfe – wie bei der Fotografie – höher, bei dunklem Licht wird sie geringer. Daher kann mancher Mitmensch draußen an einem hellen Sonnentag auf seine Sehhilfe verzichten.

Ein Gegenstand – hier das Domfenster – wird analysiert und hebt sich als Figur vor dem unscharfen Hintergrund hervor (Martin Schuster).

Aus der Unschärfe tritt ein erotischer Reiz hervor (Martin Schuster).

Macht man die gleiche Fixationsübung auf den Buchstaben der Tastatur mit zwei Augen, ist während des Fixierens wiederum ungefähr ein Buchstabe scharf. Die anderen daneben verschwinden jetzt schnell ins beinahe Unsichtbare. Das liegt daran, dass sie jetzt nicht nur unscharf sind, sondern auch doppelt wahrgenommen werden, weil sie auf der Netzhaut jedes Auges an einem etwas anderen Ort lokalisiert werden. Dieses Doppeltsehen im Hintergrund kann man sich auch mit einer besonderen Übung bewusst machen. Suchen Sie sich eine einzelne vertikale Kante im Hintergrund (also nicht ein Gitter oder eine Tür, besser ist ein Laternen- oder Fahnenmast). Nun halten Sie den Daumen ausgestreckt und fixieren diesen mit beiden Augen. Behalten Sie die Fixierung bei, aber versuchen Sie nun gleichzeitig auf den Hintergrund zu achten. Der Hintergrund ist nun verschwommen, verwaschen. Wenn Sie ein Auge schließen – während Sie immer noch den Daumen fixieren -, wird der Hintergrund schärfer. Öffnen Sie das zweite Auge nun wieder, während sie weiter den Daumen fixieren, sich aber dabei ein  wenig auf den Hintergrund konzentrieren, bemerken Sie, dass die Kante jetzt doppelt zu sehen ist. Und so ist der Hintergrund beim normalen zweiäugigen Sehen eben nicht nur ein wenig unscharf, sondern dadurch, dass zwei etwas unterschiedliche Bilder (nämlich eins von jedem Auge) übereinanderliegen, auch verschwommen und unklar. So kommt es, dass das fixierte Objekt in der Wahrnehmung perfekt freigestellt ist. Erst auf dem Foto, das ja keine Tiefeninformation bietet, sieht man dann z.B., wie ein Baum im Hintergrund unschön aus einem Kopf herauszuwachsen scheint.

Bis hierher sind drei Tatsachen festzuhalten: 1. Der Bereich des Scharfsehens jedes Auges ist recht klein. 2. Wir haben aber den Eindruck, größere Bereiche zu sehen, weil Blickinformationen von verschiedenen Fixierpunkten in einem visuellen Kurzzeitgedächtnis zu einem Bild zusammengezogen werden. 3. Hintergründe hinter dem Fixationspunkt sind nicht nur unscharf, sondern doppelt und übereinanderliegend.

Wenn der Blick über die Szene schweift (a. schweifender Blick, s.u.), ist eigentlich nichts besonders scharf oder „genau“ zu erkennen. An den Umrissen kann  man die Gegenstände erkennen, ohne sie genau zu erfassen. Ist ein Gegenstand interessant, fixieren wir ihn, und nun wird nur der Gegenstand (z.B. eine Flasche oder ein Etikett usw.) genau betrachtet (b. fixierender Blick – die Unterscheidung stammt von dem berühmten Kunsthistoriker und Kunstpsychologen E. H. Gombrich 1984). Wie grob der schweifende Blick etwas erfasst, wird durch eine Beobachtung demonstriert, die jeder Kleintierbesitzer gut kennt. Man blickt in einen Raum der Wohnung und glaubt, da oder dort die Katze oder den Hund sitzen zu sehen. Schaut man aber genau hin, ist der dunkle Fleck doch nur ein Rucksack oder ein anderer Gegenstand in  der ungefähren Größe des Haustieres. So kann sich aus der unbestimmten Unschärfe des schweifenden Blickes in jedem Moment auch das Unerwartete und Geheimnisvolle entwickeln – und wird so zum Stilmittel romantischer Malerei und auch z.B. der spiritistischen Fotografie.

Hat der schweifende Blick zum Beispiel ein Gemälde erkannt, wird das nun an seinen Ecken und dann auf seine Hauptinhalte hin fixiert. Weil es ja ein Bild ist, weiß man, dass die Fixationspunkte in einer Ebene liegen werden. Wäre es ein Gebäude, müssten sich die Blickpunkte des fixierenden Blickes auf die Tiefe des Gebäudes verteilen. Die Kenntnis des Gegenstandes erleichtert also die Ansteuerung der richtigen Blickpunkte (wir haben eine Art „visuellen Begriff“ von ihm). So kommt es, dass im visuellen Kurzeitgedächtnis aus mehreren Blickbewegungen dann ein scharfes Bild von einem Gegenstand entsteht, der sich eigentlich so in die Tiefe erstreckt, dass wir ihn mit einem Blick nicht scharf sehen könnten. Alles andere, was nun nicht durch die erwartungsgesteuerte Blickfolge erfasst wird, ist nicht etwa unscharf, sondern dem Sehen praktisch nicht bewusst. Man könnte von einem „gegenstandsgesteuerten selektiven Seh-Bewusstseins-feld“ sprechen (Abb. 1). Im besonderen Fall  kann man erleben, wie die Analysemechanismen des Sehens versuchen, eine An-Ordnung zu finden. Wenn man entspannt – ohne zu sehr zu fixieren – auf ein gleichförmiges Mosaikfeld blickt (vielleicht wie manchmal auf dem Toilettenboden), wechseln nun plötzlich Muster und Linien im Mosaikfeld, ohne aber zu einem Ergebnis zu kommen. Der Versuch, „etwas Sinnvolles zu sehen“, macht sich dann bemerkbar.

Hat man nicht die geeignete Voreinstellung zur Wahrnehmung eines Gegenstandes kann es zu erstaunlichen Fehlwahrnehmungen kommen. So konnte es zum Beispiel geschehen, dass der um 1600 gemalte Affe ein Menschengesicht bekam. Die Analyse der fokussierten Gegenstände macht andere Dinge sogar unsichtbar: Man forderte Versuchspersonen auf, die Ballbewegungen einer ballspielenden Gruppe zu zählen. Als dabei gut sichtbar ein Mensch im Affenkostüm durch die Szene lief, wurde dieser von den meisten Versuchspersonen  nicht  wahrgenommen (Simons u. Chabris 1999).

Das „Und-so-weiter-Prinzip“ in der Kunst

Manchmal geht es im gemalten Bild darum, eine Blumenwiese mit vielen Blumen oder z.B. auch ein Publikum mit vielen Köpfen zu malen. Dabei kann sich der Maler sparen, alle Blumen oder Köpfe fein (und scharf) auszumalen. Wenn er das bei zwei bis drei Beispielen macht, fällt gar nicht auf, dass die weiteren Blumen oder Köpfe nur durch einen Farbstrich markiert sind. Nachdem die wenigen scharfen Blumen analysiert wurden, wird der Rest nur mit einem schweifenden Blick überflogen. Dass sie nicht scharf sind, fällt  nicht auf. Schon Rembrandt hat wiederholte Details erstaunlich impressionistisch gezeichnet, wenn einige Beispiele der Analyse des fixierenden Blickes genüge taten.

Bewegungsunschärfe

Auch die Bewegungsunschärfe ist im Foto anders als in der menschlichen Wahrnehmung. Bewegt sich ein Gegenstand (z.B. die Hand vor dem Auge) folgen wir ihm mit den Augen; bewegt er sich schneller, verschwimmt die bewegte Kontur. Die Impressionisten haben das  genau beobachtet und in ihrer Malerei umgesetzt. Im Bild „Pferderennen in Longchamp“ sind Reiter und Pferde in ihrer Kontur in etwa scharf, während die Pferdebeine ihre genaue Kontur verlieren. So ist die Bewegungssuggestion viel höher als bei einem scharf ausgemalten Galoppschritt. Im Kino sehen wir aufeinanderfolgende Einzelbilder einer Bewegung, die für die Wahrnehmung dann eine perfekte Bewegungsillusion herstellen. So etwas kann auch einmal in einem einzelnen Foto passieren. Das Porträt der Gräfin Casati von Man Ray wurde wegen eines technischen Fehlers zu einer Doppelbelichtung. Diese konnte als Bewegung aufgefasst werden. Die Mimik der Gräfin auf der Doppelbelichtung sieht für uns aus wie ein flirtender Augenaufschlag.

Das authentische Reportage-Foto, im glücklichen Moment in Hast geschossen, beweist seine Authentizität durch (Bewegungs-) Unschärfe. So wurde Unschärfe auch zum Stilmittel der Reportage-Fotografie. Diesem Gedankengang folgend wird Unschärfe auch in der inszenierten Fotografie zunehmend bewusst eingesetzt, um das Authentische, Reportageartige zu betonen.

Unschärfe als Stilmittel der Fotografie

Die Kunstfotografie hat sich dann – ob selbstständig oder auch wiederum angeregt vom Impressionismus – der Unschärfe angenommen. Alfred Lichtwark (in einem Vortrag 1893) unterstützt die „unscharfe Richtung“, die dem Sujet das Wesentliche, das Bedeutsame erhält (Ullrich 2005).

Ein  verschwommenes, unscharfes Bild entspricht dem Wahrnehmungsmodus des schweifenden Blicks und lässt  offen, was aus der Unschärfe heraustreten wird. Erscheint etwas Interessantes im schweifenden Blick, wird der Gegenstand fokussiert. Auch deshalb haben in Fotografie und Kunst (Richter, s.o.) unscharfe Bilder einen eigenen Reiz. Aus der unbestimmten Unschärfe des schweifenden Blicks kann sich in jedem Moment auch das Unerwartete und Geheimnisvolle entwickeln – und wird so zum Stilmittel romantischer Malerei und auch z.B. der spiritistischen Fotografie (Abb. 2). Wenn der Fotokünstler Thomas Ruff mit unscharfen Bilder aus Pornofilmen arbeitet, so ist es dazu noch der biologisch bedeutsame Reiz der hier das spannende Geheimnis verspricht.

Sie lässt Unschärfe aber  auch verschiedene Deutungen zu und aus ihr heraus kann sich das Mysteriöse entwickeln. Unschärfe ist geheimnisvoll! Auch ein technisches Argument spricht für die Unschärfe: Die Bildmontage in Programmen wie Photoshop funktioniert einfacher, wenn nicht alles scharf sein muss. Wer also die aktuell in Teilen der Fotoszene so beliebten märchenhaft-mystischen Montagen erstellt, erleichtert es sich erheblich, wenn Nebel, Dunst oder Unschärfe die Bildinformationen verringern.

Unschärfe und Schönheit des Bildes

Auf den  ersten Blickt scheint evident: das unscharfe Foto ist nicht schön. Es erschwert ja auch die Objekterkennung und eben erst eine Erleichterung der Wahrnehmung macht ja die Schönheit eines Bildes aus. Es gibt aber Ausnahmen. Wenn die Kontur der abgebildeten Gegenstände scharf bleibt kann man jetzt den Gegenstand gut erkennen und Binnendetails, die zusätzlichen Wahrnehmungsaufwand bedeutet hätten fallen, weg (Abb. 3). Das Foto nähert sich dann in seiner Erscheinung einem gemalten Ölbild. Die Konturen der kleineren Abbildungsgegenstände sind mit einem Pinselstrich scharf gezogen, die Binnenflächen sind dann nur noch ein Farbklecks.

Man kann das so in einem Fotobearbeitungsprogramm wie Photoshop auch simulieren und kommt  zu Bildern einer ganz eigenen Schönheit. Wenn man die Konturen des Bildes stehen lässt und die Binnenflächen (mit weicher Kante) „auswählt“ und dann mit einem Weichzeichnungsfilter unscharf stellt, ergibt sich diese Auflösungsreduktion im Detail. Wenn man will, kann man noch mit einem Pinselfilter den Strichcharakter des Ölbildes hinzufügen.

Bei manchen  Gegenständen ist dies besonders günstig. Die glatt als Farbfläche gemalte Haut wirkt rein, Pickel müsste man absichtlich hinzufügen. In den ersten Aktfotos führten tatsächlich solche Unreinheiten der Haut, die man auf Ölgemälden nicht kannte zu einer skeptisch ablehnenden Haltung dem Foto wirklicher Akte gegenüber. Manchmal gibt man dem Portraitfoto eben eine gewisse Unschärfe, um eine faltenfreie Haut erscheinen zu lassen Diese Art von Unschärfe kann die Schönheit des Fotos (hier dann des abgebildeten Gegenstandes) also steigern.

Das Gleiche gilt für Hintergründe. Bei Portraits sind sie ja oft störend und lenken vom Gesicht ab, im ungünstigen Fall gliedern sie sich unerwünscht (zum Beispiel als Baum, der aus dem Gesicht wächst) zu dem Kopf. Wenn also der Hintergrund nun Unscharf ist wird wiederum der Analyseaufwand verringert. Man muss sich nur noch auf das abgebildete Gesicht konzentrieren. Das gilt auch für den Rennwagen, der an dem Publikum vorbeirast. Auch Hintergrundunschärfe kann(!) ein Foto schöner machen.

Noch extremer ist die Informationsreduktion der „scharfen“ Strichzeichnung ohne viel Binnendetail: Wegen ihrer leichten Wahrnehmbarkeit kommt sie in Comic-Heftchen den noch nicht so entwickelten kindlichen Wahrnehmungsfähigkeiten entgegen.

Auch die Natur selbst kann schöne Vergröberungen haben. Die Schneedecke nimmt alles unter ihr weißes Kleid und macht die Konturen rundlich, harmonisch. Die Schönheit der Winterlandschaft ist legendär. Nebel, der die Objekterkennung erschwert, wird dagegen oft als „hässlich“ empfunden. Hier birgt die neblige Unschärfe aber vielleicht ein sehsüchtig erahntes Geheimnis.

Die Vergröberung des Bildes in der Kunst

An dieser Stelle ergibt sich ein interessanter Seitenblick auf die Kunst: Fassen wir die Unschärfe als einen Spezialfall der Vergröberung, als der Informationsreduzierung eines Bildes auf (s.o.), so erkennen wir darin ein Grundprinzip der menschlichen Kunst. Von Kubismus bis Impressionismus und Expressionismus, von geometrischer Stammeskunst bis zum Werk Richters stoßen wir in der Kunst auf verschiedenste Arten der Vergröberung, die der Bildanalyse entgegenkommen. Manche zeitgenössische Künstler setzen auf eine Linienmalerei (z.B. Opwis und Legewie). Auch der Pointilismus und modernen verpixelte Bilder (Abb. 4.) arbeiten mit Vergröberungen.

Der Impressionismus und naturalistische Malerei

Das impressionistische Gemälde mit seinen wenig ausgearbeiteten Details entspricht unserer Wahrnehmungserfahrung der Szene gegenüber viel mehr als das detailreiche und exakt ausgearbeitete Gemälde. Wenn etwa in einem Gemälde von Renoir ein Kopf oder eine Person gut ausgearbeitet ist, dann kann der Rest des Bildes durchaus nur angedeutet sein: denn so sehen wir es auch. Daher ist der Impressionismus tatsächlich naturalistischer als ein akademisch ausgearbeitetes Gemälde der vorherigen Jahrhunderte.

Dennoch haben die Zeitgenossen zunächst die impressionistischen Maler zunächst abgelehnt und verspottet. Die altmeisterlich exakt gemalten Bilder erlaubten es nämlich, Begrenzungen der Wahrnehmung zu überwinden. Alle Gegenstände auf dem Bild liegen ja in einer Ebene; das Bild muss nicht mühsam aus Blicken der verschiedenen Ebenen  konstruiert und zusammengesetzt werden. Dadurch ist die Wahrnehmung leichter als beim wirklichen Sehen einer vergleichbaren Szene. Das wirkt sich so aus, dass man das exakt naturalistisch gemalte Bild als „schön“ empfindet. Zudem wird die große Welt auf eine kleine Fläche zusammengezogen, so dass Gegenstände, die wegen ihre Ausdehnung mühsam aus verschiedenen Blicken im Kopf zusammengerechnet werden mussten, nun auf einmal auf einen Blick zu erfassen sind. Gerade auch Fotos mit ihrem Detailreichtum und ihrer dem menschlichen  Auge  überlegenen Tiefenschärfe erlauben uns, z.B. den Kölner Dom in einem Blick zu erfassen. Es war der Detailreichtum des Fotos, der (ab ca. 1860) die Zeitgenossen entzückte, aber auch verstörte, denn man merkte eben auch, dass eine sehr detailreiche Aufnahme ohne Tiefeninformation oder bei schlechter Belichtung der Szene auch verwirrend und schwer zu entziffern sein kann.

Die Bewegungsunschärfe des Fotos war es dann, die den impressionistischen Malern zum ersten Mal ermöglichte, eine bewegte Wasserfläche nicht scharf wie eine eingefrorene Betonmasse, sondern in Lichtpunkten und Malstrichen aufzutragen, so dass sie wie wirkliches Wasser aussieht, ein Prinzip, das auch in der aktuellen Fotografie funktioniert.

Unschärfe und Weichheit

Die Konturen sind scharf und die Binnendetails sind mit einem  Weichzeichner unscharf gestellt (Martin Schuster)

Die unscharfe Kontur verwischt Details und lässt die Linie „fließender“ werden, suggeriert also visuell, man sehe einen weichen, nahe zu fließenden Gegenstand. Die unscharfe Kontur lässt, wie eben auch bei weichen Gegenständen nämlich eine Abrundung der Kante entstehen. Die Sofakissen z.B. fallen eben in weiche rundliche Formen. die Objektkontur ist beim Kissen, bei der leicht geschmolzenen Butter oder beim weiblichen Busen scharf aber abgerundet. Die Unschärfe suggeriert nun auch die fließende Weichheit besonders im Bereich des  Binnendetails. Gerade hier  im Bereich des Binnendetails gilt für weiche Gegenstände die Regel der kontinuierlichen, visuell dann eben unscharfen Übergänge. Die weichen Grübchen  des Bauches habe keine scharfe Grenze sondern gehen in einem allmählichen Helligkeitsverlauf  in Erhebungen über. Vielleicht ist es gerade die biologische Grunderfahrung mit weichen Hautpartien, die bei dieser Auffassung der Unschärfe als Weichheit zugrundeliegt.

Auch an sich harte Gegenstände werden, wenn sie rundlich sind als Quasi weich wahrgenommen. Dies ist der Reiz des rundgeschliffenen Steins in Flüssen, oder auch der heute meist rundlich weichen Form von Automobilen, die sich im Foto gut mit weiblich-rundlichen Modellen kombinieren lassen.

Unschärfe und Erinnerung

Es wurde behauptet, Erinnerungsbilder seien unscharf. Wie sie wirklich sind konnte bis heute nicht  ergründet werden, weil die Methode der Introspektion in der Psychologie ganz und gar in Misskredit geriet. Mir kommt es so vor, als fügte die Erinnerung in ein Irgendwie geartetes Raumgerüst Farbwerte, Einzelformen und Blickdetails wie in einen an Flickenteppich mit vielen Lücken eingefügt sind.  Denkbar ist, dass Unschärfe die Optik von Träumen und Erinnerungen aufgreift und dadurch dem Trend der emotionalen Fotografie besonders entgegenkommt.

Literatur

Gombrich E. H. (1984). Bild und Auge. Stuttgart: Klett-Cotta

Simons, Daniel J.; Chabris, Christopher F. (1999). „Gorillas in our midst: sustained inattentional blindness for dynamic events“ . Perception. 28 (9): 1059–1074.

Schuster, M (2005). Fotos sehen, verstehen, getalten. Heldelberg: Springer

Ullrich, W. (2009). Die Geschichte der Unschärfe. Berlin: Klaus Wagenbach